Ulrich Frey: Texte zur Friedensarbeit aus drei Jahrzehnten. Herausgegeben von Gottfried Orth. Digitale Sonderausgabe: Ökumenisches Institut für Friedenstheologie (OekIF), Version 15.03.2022

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Hier: Rezension der "Texte zur Friedensarbeit aus drei Jahrzehnten" von Ulrich Frey. Autor dieser Rezension ist Gottfried Orth. Überschrift: „Wunder muss man ausprobieren“ (s. Anm. 1)

Der von Ulrich Frey und mir hochverehrte Ernst Lange wusste, dass ‚Gegengewalt die Antwort von gestern ist und Martin Luther King die Antwort von morgen war‘  (s. Anm. 2). In seinem Meisterwerk „Die Ökumenischen Utopie“ schrieb Lange 1972: „Frieden ist der menschliche Lern- und Wachstumsprozess, in dem differente Bedürfnisse, kontroverse Interessen, unausgleichbare Lebensstile und weltanschauliche Positionen dialogisch aufeinander bezogen sind. Das jeweils andere ist die Alternative, an der meine Identität ebenso hängt wie mein Wachstum.  (s. Anm. 3) … Frieden ist der als Streit um das Projekt der gemeinsamen Zukunft organisierte Konflikt.“  (s. Anm. 4)

Und weil „der Frieden das Menschheitsprojekt ist, in dem heute Überleben und Humanisierung der Art auf dem Spiel stehen, ist das Friedensdefizit der unausweichliche Relevanz- und Plausibilitätszusammenhang für das Christentum und seine Vergesellschaftungen heute.“ … Dabei ist der Schalom der hebräischen Bibel, „den die Tradition des Glaubens bezeugt und vorführt, durchaus derselbe Frieden, den die Menschen meinen: das vom Untergang, von der Welt- und Selbstzerstörung unbedrohte Leben; die neue korporative Lebenspraxis, in der jeder jedem anderen Raum und Zeit zum Leben gibt; die neue Lebensordnung, in der das fünfte Gebot – Du sollst nicht töten! – die erste Spielregel des Zusammenlebens ist.“ … In einer Welt, deren zukunftsentscheidendes Defizit der universale Frieden ist, und in der Kommunikation mit der Menschheit, die bei Strafe des Untergangs zur Projektierung des Weltfriedens verurteilt ist, ist die Kirche zur Bürgschaft für den Schalom Gottes herausgefordert, und diese Bürgschaft kann nur eine ökumenische sein: Eingemeindung des Ausgegrenzten, Inkraftsetzung des Schwachen, Antizipation des Verheißenen in der Realität.“ 

In dem so gesteckten Rahmen erarbeitet Ulrich Frey seine Analysen und seine Visionen, in dem so gesteckten Rahmen war und ist Ulrich Frey als politischer Mensch und in seiner Profession als Jurist Friedenstheologe. Er war mehr als ein Friedensethiker. Für ihn steht, wenn man seine Texte liest, mit dem Frieden nicht lediglich die Kirche, sondern christlicher Glaube auf dem Spiel: Theologie ist Friedenstheologie oder sie ist keine christliche Theologie. Deshalb betrieb er, so habe ich in meinem Beitrag zu unserem Band gekennzeichnet, „experimentelle Theologie“. Das passte und passt nicht zu einer Kirche, von der ich immer mehr den Eindruck habe, dass sie nur versteht, was sie eh schon weiß. Und dennoch hielt er ihr die Treue. 

Wunder muss man ausprobieren – so hat Reinhard Höppner sein Buch über den Weg zur Deutschen Einheit betitelt. Wunder, das ist also etwas, was es – oh Wunder – nicht nur in den Kirchen gibt, sondern tatsächlich auch in der Welt, in der hoch gerüsteten und mit atomarer Abschreckung ausgestatteten Welt. Doch der Wunderglaube scheint auch den Christinnen und Christen ausgetrieben oder einfach abhandengekommen.

Auch dazu noch einmal Ernst Lange. Ich zitiere aus seinen Jona-Predigten, die er im Herbst 1967 in der Berliner Ladenkirche hielt. „Liebe Freunde“, so beginnt die letzte dieser Jonapredigten, „das Buch Jona erzählt die fantastische Geschichte, wie aus Auschwitz Bethel wurde. Wie aus der Vorhölle, in der der Mensch des Menschen Wolf ist, – nun, nicht gerade das Himmelreich wurde, aber doch die menschlichere Welt, in der die Menschen einander beim Leben helfen. … Wenn das Volk Gottes nicht mehr an Wunder glauben will, wird Gott eigentümlich hilflos. Seine Buße bekommt in der Welt nicht Hand noch Fuß, bewirkt also auch nicht die Buße Ninives, wenn das Volk Gottes seinen Wunderglauben verliert und also auch nicht mehr als Assistenz, als Helfershelfer, als Ansager des Wunders aufzutreten vermag. Gottes überraschender Entschluss, Ninive zu retten, kann dann im Sande verlaufen, im Sande unseres Unglaubens. … Wenn wir uns das Wunder nicht mehr denken können, kann Gott es auch nicht tun.“  (s. Anm. 6)

In diesem Sinne sind die Texte aus drei Jahrzehnten, die wir veröffentlicht haben, und die gesamte Friedenspraxis Ulrich Freys, die ja viel mehr umfasst, Anstiftungen zu Wundern. Gott hat keine anderen Hände und keine anderen Füße als die unseren. Doch wenn wir das Wunder des – um Gottes Willen – möglichen Friedens zwischen Russland und der Ukraine nicht einmal mehr denken können oder denken wollen oder dieses Wunder uns in konstantinischen Machtkartellen verbieten (lassen), dann wird es auch nicht eintreten, weil wir unfähig sind, es auszuprobieren. Gottes Schalom, die Verheißung des Friedens, die auch der Ukraine und Russland und ihren Präsidenten Selensky und Putin gilt, verläuft dann im Sande, im Sande unseres Unglaubens. Unser Glaube steht auf dem Spiel und mit ihm die Rede von Gott, wenn denn „das Friedensdefizit der unausweichliche Relevanz- und Plausibilitätszusammenhang für das Christentum und seine Vergesellschaftungen heute“ ist und wir diese Herausforderung nicht annehmen. Wenn wir die damit zusammenhängenden Aufgaben „auf dem Weg des Friedens“ und das heißt jesuanisch auf dem Weg der Gewaltfreiheit (Lukas 1, 79) angehen, kann unsere Arbeit gelingen oder wir können daran scheitern. Aber niemand wird es den Kirchen und in ihnen den Christinnen und Christen mehr abnehmen, wenn wir den Weg des Friedens und der Gewaltfreiheit einmal mehr verlassen und irgendwann später ein weiteres Mal bekennen, in die Irre gegangen zu sein, und dazu wohlfeile Komparative formulieren.

Deshalb scheint mir die Aufforderung der Konferenz von Oxford 1937 so entscheidend: Let the Church be the Church! „Der großartige Versuch, im corpus christianum die Herrschaft Gottes über die Welt sichtbar zu machen, ist historisch gescheitert.“  (s. Anm. 7) Das konstantinische Kartell ist gescheitert – auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen. Und deshalb stelle ich mit Elisabeth Adler, der Ökumenikerin aus der DDR, deren Todestag sich in diesem Jahr zum 25. Mal jährte, die Frage: „Was müssen wir hinter uns lassen, um welthaft und weltoffen Partner für die Welt von morgen zu werden?"  (s. Anm. 8) Und ich konkretisiere diese Frage: Was müssen wir hinter uns lassen, um zu lernen, was Christa Wolf Kassandra, die Seherin vor Troja, ausrufen lässt: „Wenn ihr aufhören könnt zu siegen, wird diese eure Welt bestehen“  (s. Anm. 9)? Kassandra kannte keinen, der dies konnte, doch sie kannte auch die menschliche Natur, wie sie freimütig bekannte, nicht im Ganzen; Christa Wolf ließ Hoffnung. Was müssen wir lernen, um aufhören können, zu siegen? Was müssen wir lernen, um diese Hoffnung Tag für Tag zu erneuern und uns in ihr stark zu machen?

Die Texte von Ulrich Frey deuten Antworten auf diese Frage an, wenn ich in Form und Inhalt seiner Argumentationen erkenne, dass christlicher Glaube und theologische Überlegung nicht Einweisung in die Kirche, nicht Einweisung in individuellen Glauben oder ein individuelles Heilsverständnis sind, sondern wenn wir mit Ulrich Frey lernen, Bibel und Christentum zu verstehen als Einweisung in die Welt. 

Let the church be the church! Nur so, davon bin ich überzeugt, kann Kirche Bürge für den Schalom Gottes sein: eben „als Irritation und nur als Irritation, als institutionalisierter Einspruch … hätte dann das Christentum in seinen Vergesellschaftungen einen wirklich notwendigen Platz in den Friedensprojekten der Menschheit“. 

Der Anspruch liegt auf der Hand, dem Zuspruch der Verheißungen dürfen wir trauen, die offene Frage sind wir. Ulrich Freys Texte halten viele Antworten auf diese Frage bereit. 

Eine Antwort ist die von Dorothee Sölle. Mit ihr möchte ich schließen:

Zeitansage 

Es kommt eine zeit

da wird man den sommer gottes

kommen sehen

die waffenhändler machen bankrott

die autos füllen die schrotthalden

und wir pflanzen jede einen baum

Es kommt eine zeit

da haben alle genug zu tun

und bauen die gärten

chemiefrei wieder auf

in den arbeitsämtern wirst du

ältere Leute summen und pfeifen hören

Es kommt eine zeit,

da werde ich viel zu lachen haben

und gott wenig zu weinen

die Engel spielen klarinette

und die frösche quaken die halbe nacht

Und weil wir nicht wissen

wann sie beginnt

helfen wir jetzt schon

allen engeln und fröschen

beim lobe gottes  (s. Anm. 10)

 

ANMERKUNGEN

(1) Reinhard Höppner, Wunder muss man ausprobieren. Berlin 2009.

(2) Ernst Lange, Bibelarbeiten auf dem Kirchentag in Stuttgart 1969: Gerechtigkeit in einer revolutionären Welt. Stuttgart-Berlin 1969. S. 5-35. Zitat S. S. 16,

(3) Anmerkung Orth: Vgl. dazu: M. Buber, Das Problem des Menschen. Heidelberg 1954; ders., Die Schriften über das dialogische Prinzip. Heidelberg 1954; dazu: M. Ruhfus, Diakonie-Lernen der Gemeinde. Grundzü-ge einer diakonischen Gemeindepädagogik. Rothenburg 1991. S. 106 f.

(4) E. Lange, Die ökumenische Utopie. AaO. S. 212.

(5) AaO. Montage aus Zitaten der Seiten 214-221.

(6) E. Lange, Die verbesserliche Welt. Möglichkeiten christlicher Rede erprobt an der Geschichte vom Pro-pheten Jona. Stuttgart/Berlin 1968. S. 45 f.

(7) Freunde des Hendrik-Krämer-Hauses e.V. (Hrsg.), …dass du wieder jung wirst wie ein Adler. Texte von Elisabeth Adler aus Akademie, Ökumene und kirchlicher Praxis. Uelzen 2022. S. 54.

(8) AaO. S. 55.

(9) Chr. Wolf, Kassandra. Darmstadt 1983. S. 136.

(10) D. Sölle, Das Brot der Ermutigung. Gesammelte Werke. Band 8. Stuttgart 2008. S. 200